MEIN BLOG
In diesem Blog sind Geschichten und Gedanken zu finden, die einen Bezug zum Thema Tod, Trauer & Trauerreden haben.
Wo Abschied schmerzt, ist Liebe!
Die Luft war kühl an diesem Morgen im März und der Boden war noch ein wenig weiß bedeckt vom Schneetreiben der Nacht. Zwischen den Wolken zeigte sich kurz die Sonne, als wollte sie nachsehen, wie es uns dort unten ging.
Am Grab waren wir nur zu dritt. Er, ein älterer Mann im schwarzen Anzug, der ihm zu groß geworden war. Vor ihm die Urne seiner verstorbenen Frau. Und ich, in meiner Aufgabe als Trauerrednerin, um die Worte auszusprechen, die er nicht zu finden vermochte.
So eine Beisetzung hatte ich noch nie. Keine Familie, keine Freunde, kein Kreis von Menschen, der mitträgt. Nur dieser Mann und ein Herz voller Gefühle, die nur schwer den Weg nach draußen fanden.
Drei Tage zuvor hatte ich ihn zuhause besucht. Auf dem Tisch im Wohnzimmer stand noch ihre Tasse, ein letzter Schluck Tee war darin. Daneben lag aufgeblättert die Zeitung, zwischendrin ihre Brille. Alles war noch an seinem Platz. Und doch war nichts mehr wie zuvor.
Er sagte, sie habe jeden Morgen dort gesessen, ihren Minze-Tee getrunken, gelesen, und immer wieder aus dem Fenster geschaut. Er erzählte das fast beiläufig. Und doch lag in jedem Satz mehr, als er aussprach.
Er zeigte mir ein paar Fotos. Urlaubstage. Geburtstage. Alltag. Sie erzählten von einem langen Leben. Von zwei Menschen, die sich so sehr aneinander gewöhnt hatten, dass vieles selbstverständlich geworden war. Er sprach es nicht aus. Aber ich konnte es spüren, dass sie eine Frau gewesen war, die immer für ihn da war. Die verlässlich und liebend den Alltag getragen hatte, jeden Tag, und die wie ein Fels an seiner Seite stand. Er nannte sie Perle. Doch leider hörte seine Liebe irgendwann auf sich zu zeigen, obwohl sie nie aufgehört hatte zu sein. Und nun war seine Perle gegangen. So leise, wie sie auch neben ihm gelebt hatte.
Und plötzlich standen viele Erinnerungen, liebe Gewohnheiten, gemeinsame Momente und eine tiefe Verbundenheit im Raum. Mit all dem konnte er nicht umgehen. Dass er einmal so viel fühlen würde, darauf war er nicht vorbereitet und nun fehlten ihm die Worte.
Genau hier beginnt meine Aufgabe. Zuhören, auch wenn wenig gesagt wird. Zwischen den Sätzen hören. Zwischen den Bildern sehen. Die richtigen Fragen zu stellen, und vor allem Zeit zu haben, Zeit so lange es eben braucht.
Sein Wunsch an mich war, seiner geliebten Perle mit meinen Worten zu danken und sie zu ehren, getragen von den Gedanken, die er selbst nicht aussprechen konnte. Das erfordert viel Gespür und die Fähigkeit, zu fühlen, was jemand anderes fühlt. Das ist die feine Kunst meines Berufes und meine ganze Hingabe.
Ich suchte nach seinen Worten, nach dem, was er all die Jahre tief im Herzen getragen hatte. Und ich fand sie. Am Ende bekam sie die Liebe und die Wertschätzung, die sie so sehr vermisst hatte. Sie war nicht verloren, sie lag nur verborgen. Es wurde eine wunderschöne Rede für seine Perle. Späte Worte, aber niemals zu spät.
Während ich sprach, begann er zu weinen. Etwas in ihm öffnete sich, als hätte sein Herz lange darauf gewartet. Am Ende standen wir noch eine Weile schweigend am Grab. Die Sonne schien nun kräftiger, der zarte Schneeteppich schmolz dahin, und plötzlich tauchte ein Schmetterling vor uns auf. Er setzte sich zuerst auf das Urnengrab, dann flog er weiter auf seine Schulter. Der Mann sah mich überrascht an. Dann lächelte er. In seinem Blick lag so viel Dankbarkeit, Erleichterung und auch Frieden.
In solchen Momenten weiß ich, warum ich diesen Beruf liebe. Weil Worte manchmal doch noch gefunden werden. Und weil es nie zu spät ist, zu zeigen, was das Herz fühlt.
Wo Abschied schmerzt, ist Liebe!
© Barbara Fath 2026-03-15
Bild Calvin Mano
Was wäre, wenn ich heute sterben würde?
Hast du dir diese Frage schon einmal gestellt? Ich schon, doch diesmal hallte sie wie ein Gong durch meinen ganzen Körper.
Am letzten Freitag ging ich im Wald spazieren, und es begann zu regnen. Nicht stark, nur soviel, dass ich die Tropfen kühl und sanft auf meiner Haut spürte. Es war, als hätte der Himmel beschlossen, mir ein kleines Geheimnis ins Gesicht zu streicheln. Stück für Stück stiegen Erinnerungen an die Woche in mir auf, begleitet von tiefen Gefühlen, die mich unglaublich berührten. Diesen Augenblick möchte ich heute festhalten.
Zu Wochenbeginn, bei Vollmond, verließ Herr J. diese irdische Welt. Ich hatte ihn noch vier Tage zuvor im Rahmen meiner Besuchstätigkeit gesehen und wie immer lächelte er, wenn er mich sah. Viel sprechen konnte er leider schon lange nicht mehr. Sein Fortgehen ist eine Erlösung für ihn, und als ich die Nachricht bekam, war es, als hörte ich eine leise Freude, fast so, als würde er von der anderen Seite winken und sagen: „Alles ist gut.“ Ich freute mich mit ihm.
Am selben Tag erschien ein Beitrag von mir mit dem Titel: „Zuwendung schenkt Wärme und Lebensfreude“ in einer südoststeirischen Regionalzeitung. Es fiel mir so leicht, darüber zu schreiben. Ich wusste gar nicht, wie viel Freude das macht. Eine neue, dankbare Erfahrung.
Tränen gelacht habe ich am Dienstag beim Besuch von Frau P. Wir sind im selben Jahr geboren und haben viele Parallelen. Sie allerdings muss seit Mitte 20 mit einer schweren, chronischen Erkrankung leben. Sie ist eine tolle Persönlichkeit, sehr witzig und sehr weise und ihre Haltung zu ihrem Schicksal ist beeindruckend. Wenn ich bei ihr bin, entsteht zwischen uns eine kraftvolle Energie, die uns beiden gut tut, das ist einfach nur schön.
Mitte der Woche durfte ich als Trauerrednerin für eine bewundernswerte Dame, beinahe 99 Jahre alt, eine Verabschiedung gestalten. Ihre Präsenz und Energie führten mich und die Trauergäste durch die schöne Trauerfeier, ich war tief berührt und innerlich sehr erfüllt.
Am selben Tag teilte mir eine Freundin mit, dass sie ihren Lebenspartner geheiratet hat. Kein großes Spektakel, nur zwei Herzen, die sich still und leise das Ja-Wort gaben. Natürlich wären die anderen Mädls und ich gern dabei gewesen, doch nicht weniger groß ist nun die Freude für die beiden. Möge ihre Liebe sie durch die Jahre tragen.
Am Donnerstag war dann meine supersüße Enkelmaus bei mir. Die Zeit mit ihr ist jedes Mal so unglaublich schön und wertvoll. Wir spielten, lachten, gingen mit Hündin Jessy (sie ist bereits 16 Jahre!) spazieren, wir lernten voneinander und kuschelten ganz viel. Sie flüsterte mir mit großer Wichtigkeit ins Ohr: "Memi, ich lass dir ein Bussi da, dann hast du etwas von mir, wenn du mich vermisst." Da ging mein Herz über <3 sie ist so wundervoll. Auch wenn sie auf ihre ganz eigene Weise anders sind, erkenne ich in ihrem Wesen stets meine geliebte Tochter wieder.
Zwischen diesen Höhepunkten gab es noch viele kleine Wunder in dieser Woche. Telefonate, Gespräche und Zeilen, die wie warme Sonnenstrahlen mein Herz berührten. Auch klare Entscheidungen, die ich endlich traf, ließen mich wachsen und machten mich stolz. All diese Gefühle, von laut bis leise, von bittersüß bis freudig, trugen mich wie eine gewaltige Welle. Eine Welle aus Samt, die mich hochhob. Friedlich, freudvoll, glücklich und erfüllt von einer Übermenge an Liebe.
Und während der Regen langsam aufhörte und die Sonne sich durch den Blätterwald zeigte, stellte ich mir die Frage: Was wäre, wenn ich heute sterben würde? Ich würde zurückblicken und sagen können: "Ich habe gelebt, gelernt, gefühlt und geliebt. Ich habe mich mit Menschen verbunden, habe sie getröstet und Tränen getrocknet. Ich habe Freude und Lachen geteilt und bin als Löwin mit meiner Enkelmaus am Boden gelegen. Ich bin für mich und meinen Weg mit Hingabe und Herz, mit Klarheit und Freude eingestanden. Und vielleicht habe ich auch ein wenig Magie gestreut."
Wird jede Woche so sein? Wahrscheinlich nicht. Aber es lohnt sich, das Ziel zu haben, jede Woche ein bisschen mehr zu geben von dem, was wir am kostbarsten haben, Zeit, Wärme, Liebe und ja, auch den Mut.
Und die größte Weisheit meiner süssen Enkelmaus werde ich wie einen Glücksstein immer bei mir tragen: „Vergiss nie, ein Bussi zu hinterlassen“
© Barbara Fath 2025-09-14
Ein Engel auf Erden? Eine Reflexion über meine Aufgabe
Es war eine Nachricht von einer Trauerfamilie, die ich bereits zweimal begleiten durfte und die mich tief berührt hat. Es waren Worte des Dankes, und dass ich ein Engel auf Erde sei. Diese Worte haben etwas in mir angestoßen. Was bedeutet es, ein Engel auf Erden zu sein? Bin ich das wirklich? Und will ich das überhaupt sein?
Als Trauerrednerin gebe ich mich jeder Familie vollkommen hin. Im Gespräch, in der Rede, in der Art, wie ich ihre Trauer spüre und in Worte fasse. Ich lasse mich auf ihre Geschichten ein, auf das, was zwischen den Zeilen steht, auf das, was nicht gesagt, aber gefühlt wird. Jede Trauerrede ist für mich eine Verantwortung gegenüber den Verstorbenen und ihren Angehörigen und sie muss aus der Wahrheit der Menschen entstehen, um die es geht.
Ich lebe meine Arbeit nicht wie einen Job, bei dem Quantität den Wert definiert. Mein Anspruch liegt in der Tiefe der Begegnungen, in den Momenten, in denen Menschen sich wirklich gesehen fühlen. Ich nehme ihre Geschichten in mein Herz auf und lasse sie dann weiterziehen.
Da ich aber keine unerschöpfliche Quelle bin, erfordert diese Hingabe natürlich auch Schutz und ich habe Grenzen, die ich achten muss. So habe ich meine eigenen Rituale, um mich nach einer Trauerfeier wieder energetisch in meine Mitte zu bringen, um ebenfalls weiterziehen zu können.
Oft werde ich gefragt, wie ich privat so bin, wenn ich soviel mit Trauer, Verabschiedung, Begräbnis, Tod und Sterben zu tun habe. Da stell ich mir gleich selbst die Frage, ob ich privat auch ein Engel bin?
In meinem Leben erlebe ich Freude und Trauer in gleichem Maße. Natürlich hat die Tiefe meiner Arbeit auch mich verändert. Vielleicht bin ich stiller, sensitiver und feinfühliger geworden. Mein Humor hat sich aber nicht verändert, nur die Menschen um mich herum sind nicht mehr die selben. Meine Art zu Verstehen und zu Lieben ist eine andere geworden. Was auch bedeutet, dass meine Selbstliebe und Selbstfürsorge gewachsen ist. Ich schätze mein Leben sehr und als Familienmensch lebe ich eine tiefe Dankbarkeit. Ich erkenne und fühle aber auch mehr und sehe hinter Gesichter, was nicht immer ein Segen ist.
Zurück zum Thema. Mittlerweile gibt es viele Trauerredner und Trauerrednerinnen, viele Menschen und sicher auch viele Engel, die begleiten und Trost spenden. Doch nicht jeder kann oder will mit Engeln. Manche wollen es pragmatischer, denn Engel sind schwer greifbar. Vielleicht sind sie aber einfach nur Menschen, die ihre Aufgabe mit Liebe, Hingabe und Respekt erfüllen und ja, dafür dürfen sie auch Geld verlangen.
Wenn ich höre, dass meine Leistung zu teuer ist dann nehme ich das mittlerweile nicht mehr persönlich. Nicht jeder sucht das, was ich zu geben habe und ich weiss auch dass meine Art zu sprechen, zu fühlen und zu begleiten nicht zu jedem passt. Ich weiß aber auch, dass meine Arbeit für ganz viele Menschen genau das Richtige ist. Und ich habe von Anfang an darauf vertraut, dass mich die Familien, die mich brauchen, finden und das tun sich auch.
Mein Anliegen ist es, mir treu zu bleiben. Gerade in der sensiblen Zeit der Abschiednahme möchte ich den Menschen wirklich begegnen, sie wahrnehmen, sie halten. Und wenn mir dann jemand sagt, dass ich ein Engel auf Erden sei, dann nehme ich es als Geschenk, und frage mich leise weiter, was es wirklich bedeutet.
© Barbara Fath 2025-03-16
Hochzeitsglanz versus Abschiedsstille
Gedanken über die Liebe und ihren Wert.
Vor 28 Jahren heiratete meine Freundin Birgit. Sie fühlte sich wie die schönste Braut der Welt. Ihr Kleid war elfenbeinfarben, mit Glockenärmeln und in der Taille geschnürt, dazu ein langer Schleier, der an einem Kranz aus kleinen weißen Röschen befestigt war. Ihre Mutter hatte ihr eine Perlenkette geliehen, und sie trug wunderschöne weiße Pumps. Gefeiert wurde in einem gemütlichen Gasthaus mit Familie und Freunden, mit einem Brautstrauß aus roten Rosen und viel Blumenschmuck auf den Tischen. Das Essen war köstlich, eine bessere Hausmannskost ohne viel Schnickschnack. Es gab Livemusik, eine riesige Torte, und es wurde viel getanzt. Klassisch, bodenständig und einfach, so war Birgits Hochzeit, die damals etwa 10.000 Euro kostete.
Eine Hochzeitfeierlichkeit heute kostet mitunter das Zwei- oder auch Dreifache. Weddingplaner kümmern sich um jedes Detail, von der Wahl einer spektakulären Location bis hin zu einem perfekt abgestimmten Menü. Fotografen begleiten das Brautpaar vom ersten Blick in den Spiegel bis zum letzten Tanz. Nichts wird dem Zufall überlassen. Hunderte Fotos, ein Film, ein Programm für die Gäste, alles muss perfekt sein. Das Geld sitzt an diesem Tag locker, die Leichtigkeit übernimmt. Ein großes Event wird gefeiert, manchmal auch mehrmals im Leben und alles im Auftrag der (wahren) Liebe. Doch welchen Wert hat sie?
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, geht es auch (meist) um Liebe und (oft) um viel Geld. Doch bei dieser Feierlichkeit sitzt das Geld nicht so locker. Da wird gerechnet, verglichen, gespart. Blumenschmuck? Lieber nicht, weil die Blumen ja eh so schnell verwelken. Der Sarg? Bitte die günstigste Variante, weil der wird ja eh gleich wieder verbrannt. Warum so viel Geld ausgeben, wenn Tante Inge nichts mehr davon hat? Man hat sie ja eh im Herzen. Muss ein Beisammensein danach wirklich sein? Reicht nicht ein kurzes Stehen mit 2 Brötchen pro Person und stillem Wasser? Eine Anzeige in der Zeitung? Nein, das geht ja wirklich niemanden etwas an. Bloß keinen großen Aufwand betreiben und schon gar nicht den Bestatter mit Reichtum füttern. Tante Inge hätte das sicher so gewollt.
Hätte sie das wirklich so gewollt und wer sagt eigentlich, dass sie nicht von drüben zusieht und sich besonders geehrt fühlen will, schließlich ist es ja ihre Verabschiedung, sie ist der Mittelpunkt an diesem Tag.
Der Tod kommt nur einmal. Er ist endgültig. Mit ihm wird das Menschsein, das Leben und Wirken, zur Geschichte, die Erinnerung und die Verbundenheit bleiben. Welchen Wert hat hier die Liebe?
Als TRAUERrednerin werde ich öfters auch als TRAUrednerin angefragt. Obwohl ich keine Trauungen durchführe kommt es dennoch immer wieder zu Gespräche darüber, wie hoch die Kosten für eine Hochzeitsfeier sind und doch werden diese bereitwillig bezahlt. Gleichzeitig scheint die Bereitschaft, für ein Begräbnis eine höhere Summe auszugeben, immer weiter zu sinken.
Gut, dass immer mehr Menschen zu Lebzeiten ihre Verabschiedung selbst in die Hand nehmen und auch selbst bezahlen. Birgit hat das auch gemacht. Sie möchte eine Feier, wo die Menschen lachen und weinen, wo sie Sekt und Bier trinken und sich satt Essen. Sie möchte, dass ihr irdisches Leben und die gemeinsame Zeit gefeiert und eine neue Verbundenheit begrüßt wird, in der sie stets ein Teil im Leben ihrer Hinterbliebenen sein wird. Und ja, sie möchte viele bunte Blumen und Luftballons und Kerzen und zur Nachspeise möchte sie ein üppiges Tiramisu und einen Zirbenschnaps für alle.
Birgit findet, dass ein Betrag von Euro 10.000,--, wie damals bei ihrer Hochzeit, eine gute Basis wäre.
Ich denke, der Wert der Liebe lässt sich niemals in Geld messen. Ob sie prachtvoll und aufwendig oder still und bescheiden gelebt und gefeiert wird, ist unerheblich. Entscheidend ist die Verbundenheit zwischen zwei Menschen, die im Leben Halt gibt und über den Tod hinaus Bestand hat. Was denkt ihr darüber?
© Barbara Fath 2025-01-12
Helga und der Opernball
Es ist Punkt 21 Uhr und ich warte wie vereinbart vor der Wiener Oper auf meine Freundin Helga. Heute ist endlich der Abend, auf den wir uns schon so lange freuen. Wir besuchen den Opernball. Ich bin super aufgeregt, denn für mich ist es das erste Mal. Helga war schon einige Mal am Ball der Bälle. Das letzte Mal mit ihrem Mann Adolf, der leider vor 20 Jahren verstorben ist. Und nun, 20 Jahre später, habe ich die Ehre, sie zu begleiten und ihren Wunsch, diesen Ball noch einmal zu besuchen, zu erfüllen. Ich bin gespannt, ob sie das rote oder das blaue Kleid trägt. Sie hat mir von beiden erzählt und meinte, ich soll mich überraschen lassen.
Plötzlich steht sie vor mir. Ich traue meinen Augen nicht. Sie sieht umwerfend aus, fast märchenhaft. Ihr weißes Haar ist kunstvoll hochgesteckt und von goldenen Haarnadeln durchzogen, die das Licht in alle Richtungen reflektieren. Einige Locken umrahmen ihr Gesicht und ihre Augen funkeln. Sie hat sich für das Mitternachtsblaue entschieden und dieses betont ihre wunderschönen, hellblauen Augen. Der Stoff fällt in weichen Linien und schimmert, als wäre er mit Sternenstaub bestreut. Das Kleid ist hochgeschlossen und die langen Ärmel enden glockenförmig. Um ihr Handgelenk schmiegt sich ein zartes Armkettchen. Ich kenne diese Armband, es ist ein Erinnerungsstück an ihren geliebten, verstorbenen Adolf. Ihre Ohrringe sind aus einem kleinen, goldenen Ring an dem ein winziger Anhänger, ein Herz hängt. Auch diese sind von Adolf. Helga hat sie bekommen, als die gemeinsame Tochter geboren wurde. Ihre Schönheit ist atemberaubend. Obwohl sie betagt ist, strahlt sie eine Vitalität aus, die ihrer Umgebung Leben einhaucht. Hatte ich schon erwähnt, dass Helga 90 Jahre ist?
"Da bist du ja!", ruft sie mit fester Stimme, die vor Freude vibriert. "Heute Abend werde ich dir all die Leute vorstellen, die ich ewig nicht mehr gesehen habe und natürlich werden wir tanzen, meine Liebe, tanzen, bis die Musik aufhört und zwischendurch trinken wir auch ein Gläschen Sekt oder auch zwei!" Ihre Begeisterung ist richtig ansteckend. Ich lächle, nehme ihren Arm und gemeinsam betreten wir das Foyer der Oper - der Ball der Bälle kann beginnen.
Diese Geschichte ist nicht wahr. Helga war nie am Opernball, wir waren auch nie gemeinsam dort. Wahr ist, dass ihr Gedächtnis schon sehr müde war, nicht aber ihre lebhafte Fantasie. Helga konnte so erzählen, dass ihre Träume zur Realität wurden und bei meinen Besuchen unterstützte ich sie in ihrer berührenden Wahrhaftigkeit. Vor einer Woche bekam ich die traurige Nachricht, dass sie zu ihrem Adolf gegangen ist. Ich zündete eine Kerze an und erinnerte mich an die schönen Märchen, die wir gemeinsam durchlebten.
"Liebe Helga, ich sende eine feste Umarmung hinauf zu dir - du warst eine großartige, warmherzige und sehr weise Frau - danke, dass ich dich ein kleines Stück begleiten durfte und vielleicht hast du ja jetzt die Möglichkeit mit Richard Lugner über alles zu plaudern, was du schon immer über den Opernball wissen wolltest. Lieber Richard, tanzen Sie doch bitte einen Tanz mit Helga, vielen Dank! Ich trinke ein Gläschen auf euch beide - ruhet in Frieden."
© Barbara Fath 2024-08-31
Die Verabschiedung am Hügel
Nach langer Zeit sollte es endlich wieder ein Treffen am Hügel geben, ein magischer Ort versteckt in den Weinbergen, um gemeinsam Zeit zu verbringen. Bei ihren Treffen war es üblich, dass jeder Essen zum Teilen und Geschichten zum Erzählen mitbrachte. Sie waren eine Gemeinschaft, in der sie einander zuhörten und sich vertrauten. Bei Problemen fanden sie immer Wege und Lösungen. Gemeinsam waren sie stark. Sie kannten sich seit Kindheitstagen und es verband sie eine tiefe Freundschaft und viele gemeinsame Abenteuer. Manchmal vergingen viele Monate bis sie sich wieder sahen, doch sobald Viktor ein Treffen am Hügel ausschrieb, kamen alle verlässlich. Ihre Zusammenkünfte waren ihnen heilig und sie genossen die freudigen und bereichernden Stunden im Kreise der geliebten Freunde. Danach gingen sie wieder getrennte Wege bis zum nächsten Treffen.
Doch diesmal kam die Einladung nicht von Viktor, sie kam von seiner Lebenspartnerin Mona und der Inhalt ließ sie alle erstarren. Viktor lebte nicht mehr. Im Schreiben bat Mona alle Freunde zur Verabschiedung am Hügel zu kommen. Immer schon hatten sie vor dieser Nachricht Angst. Angst, dass irgendwann der Tag kommen würde, wo sie nicht mehr komplett waren, wo einer fehlen würde. Sie hofften, dass es diesen Tag niemals geben würde, gleichzeitig wussten sie aber, dass dies nur ein Verdrängen war. So oft haben sie bei ihren Treffen über den Tod gesprochen und über das Leben und Sterben philosophiert. Auch wenn sie sich einig waren, dass nur der Körper stirbt und die geliebte Seele weiterhin mit ihnen verbunden bleibt, tat diese Nachricht, die so unvorbereitet kam, unglaublich weh. Sie konnten es sich nicht vorstellen, Viktor nie mehr in seiner alten Form zu sehen und zu umarmen, nie mehr mit ihm zu lachen und seinen klugen Weisheiten zu lauschen. Sie spürten eine tiefe Traurigkeit, die von einem starken Vermissen begleitet wurde. Und so war dieses Wiedersehen an einem heißen Tag im Juli an diesem magischen Ort diesmal ganz anders. Einer fehlte. Monas Wunsch war es in weißer Kleidung zur Verabschiedung zu kommen und eine Erinnerungsbox mitzubringen.
Ich kam in einem weißen langen Sommerkleid und brachte Margeriten mit, denn auch ich war Teil dieser jahrelangen Freundschaft. Es tat gut die anderen zu sehen, sich im Schmerz zu umarmen und gemeinsam zu trauern. Wir bildeten einen Kreis und hielten uns an den Händen. Wir sangen Lieder und waren teilweise einfach nur still. Auf Wunsch hielt ich eine kleine Rede, in der ich über die vielen unvergesslichen Augenblicke mit Viktor erzählte und gemeinsam weinten und lachten wir. Im Namen aller bedankte ich mich bei Viktor für die Jahre, wo er für uns als Freund und Impulsgeber, als Wahrheitsfinder und freier Geist ein wertvoller Lichtbringer war. Ich bedankte mich für die wundervollen Begegnungen, die uns immer nährten und beseelten und versprach, dass wir sein Licht in uns weiter tragen werden.
In der Abenddämmerung kamen zwei Rehe zu uns auf den Hügel und schenkten uns mit ihren dunklen Augen einen liebevollen Gruß. Als es kühler wurde, fühlt es sich an, als ob Viktor eine wärmende Decke über uns breitete und bis in die Morgenstunden mit uns gemeinsam das Hinübergleiten feierte.
© Barbara Fath 2024-08-10
Friedrich, der hellste Stern am Himmel
Es war ein kalter Morgen Anfang April als Friedrich für immer die Augen schloss und er tat dies so, wie er auch lebte, ruhig und besonnen. Am Abend davor, als er in seinem gemütlichen Wohnzimmersessel seine Abendpfeife rauchte, rief er behutsam nach seiner Frau: „Inge, Liebling, komm zu mir. Ich möchte mit dir reden. Es geht um mein Herz. Es ist so müde, ich bin so müde. Ich habe eine Vorahnung, ich spüre, dass es bald aufhören wird zu schlagen. Ich kann dir nicht sagen, warum ich das weiß, ich weiß es einfach."
Inge war in der Küche und bereitete eine Gemüsesuppe vor. Sie reagierte bewusst nicht. Während sie Zwiebel, Karotten, Sellerie und Kartoffeln klein schnitt, rief sie ihm zu. „Schatz, Ich kann dich nicht verstehen, ich bin gerade beim Kochen." Friedrich nickte und wusste gleichzeitig, dass sie alles gehört hatte. Inge würzte die Suppe mit Lorbeer und Majoran und nickte ebenfalls, denn sie wusste, dass er mit seiner Vermutung traurigerweise recht haben würde. Sie wusste nicht warum, sie wusste es einfach. Ihre Verbundenheit war einzigartig. Friedrich öffnete das Fenster und schaute in den Sternenhimmel. Immer schon mochte er es, wenn der Himmel klar war und ein funkelndes Sternenmeer zeigte. Als Kind versuchte er oft die Sterne zu zählen. Doch jedes Mal schlief er dabei ein. Und immer wieder nahm er sich vor, es am nächsten Abend erneut zu versuchen. Er war sich sicher, einmal würde es ihm gelingen sie alle zu zählen. Friedrich legte seine Pfeife weg, blickte in den Himmel und begann zu zählen...
Als Inge ins Wohnzimmer kam, fand sie Friedrich schlafend vor. Sie blickte in den Himmel und sah eine Sternschnuppe. „Wie schön“, dachte sie. Sie wusste auch gleich, welchen Wunsch sie der Sternschnuppe mit auf dem Weg geben möchte. Sie nahm Friedrichs Hand, schloss die Augen und streichelte über seine langen Finger. „Ich wünsche, dass Friedrich von einem sanften und liebevollen Engel begleitet wird, wenn er den Weg über die Brücke antritt.“ Während sie seine Hand hielt und der Duft der Gemüsesuppe, sein Lieblingsessen, den Raum einnahm, floss ein Tränenbach über ihre Wangen. Inge blieb die ganze Nacht bei Friedrich sitzen und er nahm ihre Nähe dankbar wahr.
Zwischendurch legte sie ihren Kopf in seinen Schoß und während sie schlief, träumte sie von einem Engel, der sanft von Stern zu Stern flog. Gegen fünf Uhr morgens war die Hand von Friedrich noch warm, doch sein Herz hatte aufgehört zu schlagen.
Eine Woche später an einem sonnigen Tag im April wurde Friedrich im kleinen Kreis verabschiedet. Als Trauerrednerin durfte ich über einen besonders klugen und warmherzigen Mann erzählen und über all die schönen Jahre tiefster Verbundenheit mit seiner geliebten Inge. Als tröstende Erinnerung bekam Inge von mir einen großen Stern mit der hoffnungsvollen Botschaft, dass ihr Friedrich sie nun als hellster Stern am Himmel begleiten und beschützen wird. Am Abend setzte sich Inge in Friedrichs gemütlichen Wohnzimmersessel und versuchte die Sterne zu zählen, sobald sie jedoch den hellsten Stern sah, schlief sie ein. Sie probiert es jeden Tag erneut.
© Barbara Fath 2024-07-14
Marianne ging nach Hause
Marianne lag im Sterben. Es waren ihre weißblonden Locken, die ich als Erstes sah, als ich ihr Zimmer betrat. Der Raum wirkte freundlich, obwohl er mit dunklen Möbel ausgestattet war. Es lag an der Energie, die ich wahrnahm. Sie war hell und warm und gar nicht sterbend. Auf ihrem Nachtkästchen stand ein Bild in s/w. Ich sah einen Mann mit Bart, ein kleines Mädchen in einem Kleid und einer Schleife im Haar und eine junge Frau mit langen Locken. Sie standen vor einem Baum, es war ein Apfelbaum im Winter. "Hallo liebe Frau Marianne, ich bin Barbara, ich besuche Sie heute und wenn Sie möchten, reden wir ein bisschen." Sie schaute mich an und lächelte. Ihre Wangen waren gerötet und sie war wohl sehr aufgeregt. "Grüßi-Gott Frau Barbara". Ich lächelte zurück und berührte ihre Hand. Man erzählte mir, dass sie kaum mehr sprach und sich nur mehr in ihren Träumen aufhielt. Doch als ich sie ansah, waren ihre Augen ohne trüben Schleier und sie wirkte klar und präsent.
So richtig kannten wir uns nicht, nur gesehen haben wir uns sehr oft. Immer dann, wenn ich mit Luise, eine Dame aus dem 1. Stock des Pflegeheimes, unterwegs war. Luise ist 92 Jahre und ich besuche sie 2 Mal in der Woche. Meist schiebe ich sie im Rollstuhl durch die Gänge und dann plaudern wir mit den anderen Bewohnern. Im Sommer fahren wir hinaus in den Garten, essen auf der schattigen Terrasse ein Eis und lauschen der Vögel. Mit Marianne haben wir nie geredet. Wenn sie uns sah, beugte sie ihren Kopf über eine Zeitschrift und signalisierte, dass sie ihre Ruhe möchte. Doch stets legte ich beim Vorbeigehen meine Hand auf ihre Schulter und grüßte sie. In letzter Zeit sah ich sie nicht mehr und bevor ich auf der Station nachfragen konnte, kam eine Pflegerin auf mich zu und bat mich, Marianne zu besuchen, denn sie würde bald sterben und sie hätte nach mir verlangt.
Ist das deine Familie?", fragte ich Marianne und zeigte auf das Bild. Und dann begann sie mit zarter Stimme zu erzählen. "Hans war ein lieber Mann, er backte den besten Apfelstrudel mit viel Zimt und Rosinen und er konnte gut Witze erzählen. Zusammen haben wir viel gelacht, doch dann, als unsere Marie verstarb, erlosch seine Heiterkeit. Er konnte den Verlust nicht verkraften und 3 Jahre später ging er ihr nach. Seitdem bin ich alleine. Meine Eltern verstarben sehr früh und Geschwister habe ich keine. In jungen Jahren hatte ich viele Freunde, doch die sind alle bereits gestorben. Ich habe so viele Jahre alleine verbracht, dass ich gar nicht weiß, ob mein Leben wirklich stattgefunden hat. Doch dann erinnere ich mich und spüre die Liebe von Hans und Marie und weiß, dort drüben warten sie auf mich, dort drüben sind wir wieder gemeinsam, gemeinsam in einem anderen Zuhause." Ich streichelte über ihre weißblonden Locken und ihre Wangen. Sie war müde geworden, die Worte haben sie angestrengt. Dass sie plötzlich soviel redete und ihre Geschichte mit mir teilen wollte, berührte mich.
In der Nacht hörte ihr Herz auf zu schlagen. Marianne ging nach Hause. Da niemand mehr da war, der sie verabschiedete, sprach ich bei ihrer Beerdigung die letzten Worte und ich ließ es mir nicht nehmen, auch einen kleinen Witz zu erzählen. Bevor ich ging, verneigte ich mich und legte das Bild mit Hans, Marie und dem Apfelbaum in ihre letzte Ruhestätte. In der Stunde des Abschiedes war sie nicht alleine.
© Barbara Fath 2023-12-17
Hast du gerade HALLO gesagt?
Hallo liebe Freundin, ich bin gerade auf dem Weg zu dir. Ich komme nur deinetwegen hierher, sonst kenne ich hier auf diesem Friedhof niemanden. Die Sonne sticht vom Himmel und ich schwitze. Ich sehne mich nach Kälte und Nebelschwaden, noch besser wäre Regen. Dann könnte ich meinen Kopf unter einer Haube vergraben und den Stoff tief in mein Gesicht ziehen. Ich könnte meine viel zu große Regenjacke anziehen und mich darin verlieren und ich könnte mit Gummistiefeln kräftig in Pfützen treten. Das alles könnte ich tun und niemand würde meine traurigen Augen sehen. Aber nein, so spielt das Leben nicht. Heute haben wir einen wunderschönen Herbsttag und die Wege sind nicht nass und rutschig, sondern trocken und viele bunte Herbstblätter liegen kitschig am Boden und strahlen mit den orangen Kürbissen, die wie kleine Sonnenkinder wirken, um die Wette. Ein lebendiger Tag der Herzen wärmt. Hier am Friedhof gibt es keine Kürbisse, hier gibt es Kerzen, viele Kerzen. Im Schneckentempo spaziere ich durch die steilen Friedhofsgänge und beginne die Gräber zu zählen und auch die Kerzen und auch die vielen putzigen Keramikengel. Bis zu deinem Grab ist es noch ein Stück. Vor über 10 Jahren ging dein Plan hier zu Ende.
Seit damals hat sich vieles verändert. Auch ich. In den vergangenen Jahren habe ich mir oft gedacht, dass dein Fortgehen meine Entwicklung war. Wobei dieser Weg oft wahrlich kein gemütlicher Spaziergang war. Manchmal war er sehr steinig und schwierig, oft aber auch erwachend und pulsierend. Und du warst auf deiner flauschigen Wolke immer da und hast mich durch diese Zeit getragen, hast mir geholfen so manchen Wahnsinn gut zu filtern. Was würdest du zu dieser veränderten Welt heute sagen? Ich kann gerade deinen kritischen Geist vor meinen Augen sehen. Ich bin mir sicher, du wärst mit so vielem nicht einverstanden. Ich sage dir was, ich bin es auch nicht.
Die Tränen, die ich manchmal noch weine, sind Wasser der Sehnsucht, der Liebe und Dankbarkeit. Niemand lehrt mich besser, was Leben und Sterben bedeutet. Deine Abwesenheit zeigt mir, dass Freude und Leid die größten Lehrmeister unseres Erdenlebens sind, dein woanders Sein zeigt mir aber auch, dass der Tod nicht trennen kann. WOW, wie weit man heute in die Ferne sehen kann. Du hattest recht, von hier oben hat man den besten Ausblick über die Stadt. Bei dieser Aussicht wolltest du für immer liegen bleiben. Ich kann dich verstehen. Ein Stück noch, dann bin ich bei dir angekommen. Was war das für ein Geräusch? Hast du gerade HALLO gesagt? Ich könnte schwören, dass da gerade jemanden Hallo gesagt hat.
Die mitgebrachten Blumen, es sind Lilien, lege ich neben deinem Kopf, damit du sie gut riechen kannst. Das nächste Mal komme ich bei Regen und dann springen wir gemeinsam über Pfützen und rutschen mit dem Hintern den Berg hinunter an Gräber vorbei und haben Spaß so wie damals. Unvergessen! Best Friends for ever!
© Barbara Fath 2022-10-31
Die gelbe Linie
Seine rechte Hand war steif und hing bewegungslos an seinem Arm. Eigentlich war sie unbrauchbar. Ein Unfall war die Ursache. Dennoch spielte er Karten, fuhr mit dem Rad und half dort, wo er gebraucht wurde. Sein Lächeln kam aus dem Herzen. Er war ein froher und gütiger Mann. Schade, dass ich ihn nur kurz kennenlernen durfte. Wo ist er hin, als er starb? Denke ich an ihn, denke ich auch an einen anderen Mann. Dieser war kaum gesprächig. Er war irgendwie brummig und in sich gekehrt. Es schien, als ob er mit seinen Gedanken stets weit weg war. Vielleicht aber wollte er einfach nur seine Ruhe haben. Manchmal sitze ich auch nur so da, wie er damals, und dann schaue ich ins Leere. Schade, dass ich mich nie richtig mit ihm austauschen konnte. Wo ging er hin, als er viel zu früh starb? Und dann, schmerzlich und unbegreiflich, ging auch sie hinter diese Linie. Zack und weg war sie. Sie ging dorthin, wo auch die beiden Männer waren. So vermute ich jedenfalls. Würde ich diese Linie zeichnen, wäre sie auf meinem weißen Blatt Papier ein gelber, dünner Strich. Wie ein verlockend strahlender und doch so unwissend endgültiger Sonnenstrahl. Würde ich morgen über diesen hüpfen müssen, also sterben müssen, würde ich mich heute, an diesem ersten und letzten Tag, auf ein Wiedersehen mit diesen drei Menschen freuen und mich vorbereiten. Damit ich ja nichts vergesse, würde ich sämtliche Fragen notieren, denn meine Neugierde ist groß und nur sie haben die Antworten. Dann würde ich mich hübsch machen und sehr aufgeregt werden. Würden wir uns erkennen? Schließlich sind wir nun schon Jahrzehnte getrennt. Sind sie auch mit mir alt geworden? Ich denke schon, oder nicht? Soll ich Geschenke mitbringen? Und was brauche ich eigentlich dort, in diesem unbekannten Dahinter? Ich weiß, nichts brauche ich. Aber wie fühlt sich nichts an? Wie es aussieht, würde ich wohl diesen einen letzten, ersten und auch einzigen Tag, mit genau solchen Fragen verbringen. Oder sind das jetzt nur spontane, fiktive Gedanken und nichts davon würde genau so geschehen? Denn wahrscheinlicher wäre wohl, dass ich eine extreme Angst hätte und sich meine Gedanken quälend traurig an jene richten würden, die ich loslassen und zurücklassen müsste.
Nicht zu wissen, wann es Zeit ist hinter die Sonne zu gehen, ist ein Geschenk. Würde ich es wissen, könnte ich ziemlich sicher schwer damit umgehen. Außer ich würde nur eine Geschichte schreiben wollen, dann würde ich wohl aufzählen, was mir meine Gedanken flüstern und wonach sich mein Herz sehnt. Wenn ich vom Leben erzähle und gleichzeitig über die Endgültigkeit nachdenke, vermischen sich meine realen und verträumten Worte, Sätze und Gefühle. Diese Linie wäre auf meinem weißen Blatt Papier bestimmt ein dünner, rosa Strich. Jetzt aber, da ich mit der Sonne aufwachen durfte, zeichne ich eine hoffnungsvolle, grüne Linie und mit dieser gehe ich in einen neuen, schönen Tag, lebendig und zuversichtlich - danke dafür!
© Barbara Fath 2021-07-07
"Olle müssma sterben"
Zuerst las Oma die Traueranzeigen, dann folgte das TV-Programm und später überflog sie den Lokalteil. Politik und Sport ließ sie weg, das interessierte sie nicht. Beim Lesen der Zeitung galt ihre größte Aufmerksamkeit den Todesanzeigen. Wer war gestorben, wie alt sind die Leut´ geworden und wen kannte sie? Bekannte Namen zu finden und sich deren möglichen tragischen Geschichten zu widmen, war ihre Vormittagsbeschäftigung und fast so spannend wie das Lösen von Kreuzworträtseln. Sie würde eh auch bald sterben und in der Zeitung stehen. Das hörten wir sie jahrzehntelang bei bester Gesundheit sagen.
An Tagen, wo die Anzeigen sie enttäuschten, weil sie niemanden fand, den sie kannte, schob sie mir die Zeitung hin und bat mich genauer nachzusehen. Vielleicht kannte ja ich jemanden und vielleicht konnten wir ja doch noch eine *mei, wie tragisch* Unterhaltung führen. „Nein Oma, es tut mir leid, ich kenne hier wirklich niemanden. Warum machst du das eigentlich?“, fragte ich kopfschüttelnd, „das belastet doch.“ „Mich belastet das nicht, olle müssma sterbn“, sagte sie und nahm die Handlupe, um ja kein Detail zu übersehen. Sie war auch überzeugt davon, je größer eine Todesanzeige, desto beliebter waren wohl die Verstorbenen. „Ich bin schon gespannt, wie groß mein Inserat einmal werden wird“, ließ sie uns stets wissen.
Oma Maria war eine religiöse Frau und ihre Sichtweisen etwas speziell. Am besten war es, mit ihr so wenig wie möglich auf Konfrontation zu gehen. Mir gelang das recht gut und ich versuchte, sie so oft wie möglich zum Lachen zu bringen. Manchmal sah ich, wie sie nach oben schaute, um zu fragen, ob sie das wohl eh durfte. Manchmal hatte sie aber keine Zeit für heilige Rückfragen, dann versprühte sie spontan ein herzhaftes, lautes Lachen samt ein wenig Spucke. Ihre Backen wurden dabei ganz rot und sie hielt ihren Bauch fest.
Vor drei Jahren wurde Oma müde. In den letzten Wochen erkannte sie mich nicht mehr. „Jö, die Frau mit dem Hund ist wieder da“, freute sie sich, wenn ich sie besuchte. Einmal spielten wir noch Schnapsen. Sie war die Königin dieses Kartenspiels und gewann fast immer. Alle Damen ihrer Kartenrunde waren leider bereits verstorben. Und dann kam ihr letzter Stich. Es war abends, ich saß neben ihrem Bett und streichelte ihre Hand. Sie tat sich schwer loszulassen. Ich wollte ihr helfen, wusste aber nicht wie. Gebete würden ihr gefallen, kam mir der Gedanke. Ich googelte, wurde fündig und las aus dem Handy laut vor. Das war sehr unkonventionell, das wusste ich, doch ich spürte ihre Dankbarkeit. Dann versprach ich noch, dass sie eine ganz große Anzeige bekommen würde und auch ein schönes Gedicht von mir. Am nächsten Morgen kam der Anruf, dass sie bei Opa und der Kartenrunde angekommen ist. In letzter Zeit verweile auch ich länger bei den Todesanzeigen. Liegt's am Alter, am Weltwahnsinn oder an meinen Gedanken über Würde und Sterben?
„Schau Oma, jetzt hast du eine Geschichte auch noch bekommen“ und während ich sie schreibe, sende ich einen Zwinker nach oben.
© Barbara Fath 2021-04-22